Reisebericht · Naher Osten · Dezember 2024
Die Drei Seiten des Jordan
Im Dezember 2024 bin ich in den Nahen Osten gereist. Ich habe viel erlebt und möchte einige der eindrücklichsten Begegnungen mit euch teilen. Deswegen versuche ich, meine Erinnerungen mit Fakten gespickt zu präsentieren. Bald wird dieser etwas andere Reiseführer in Taschenbuchformat erhältlich sein. Hier eine kleine Leseprobe...
Leseprobe
Es ist etwa 19 Uhr und keine Person ist auf den Straßen zu sehen. Insgesamt fühlt sich der Kibbuz gerade so an, wie man sich eine Siedlung mit 500-1000 Menschen inmitten einer Wüste vorstellen würde.
Ich vergleiche die Ungemütlichkeit und Verlorenheit dieser Siedlung mit der eines großen Autohofs oder einer Tankstelle mitten in der Nacht. Man hält an, erledigt das nötigste, steigt ein und fährt weiter. Im Burgerladen jedoch brennt warmes Licht und einige der Tische sind besetzt. Im Hintergrund läuft irgendein Bruce Springsteen-Hit. Ich bestelle, esse und werde kaum beachtet. Genau wie auf einem Autohof, denke ich mir und kann bei der ganzen Unpersönlichkeit nicht umhin, mir auszurechnen, wie oft dieser Kibbuz wohl Besuch von Außerhalb bekommt. Ich lächle in mich hinein, lese irgendeinen Wikipedia-Artikel und verschwinde im Gewöhnlichen.
Wo sich heute Gaza, Israel und das Westjordanland befinden, leben bereits seit der Steinzeit Menschen. Mit 11.000 Jahren ist Jericho, heute auf palästinensischem Gebiet, der am längsten dauerhaft besiedelte Ort der Welt. Später herrschen hier die Kanaaniter mit ihren zahlreichen Göttern, ehe die aus Ägypten fliehenden Israeliten Jericho laut Bibel durch ein Wunder einnehmen. König David macht Jerusalem zur Hauptstadt und der sagenumwobene Erste Tempel wird errichtet. Nach der Zerstörung durch die Babylonier 400 Jahre später bauen die Juden den Zweiten Tempel, der zum spirituellen Herzen ihres Volkes wird. Als ihn die Römer im Jahr 70 n. Chr. in Schutt und Asche legen und das Land zur römischen «Provinz Judaea» machen, bleiben vom einstigen Heiligtum nur die gewaltigen Grundmauern - darunter die noch heute verehrte Klagemauer. Nach einem letzten jüdischen Aufstand benennen die Römer das Land in «Syria Palaestina» um, um jeglichen jüdischen Bezug zum Land symbolisch auszulöschen. Bis in die Neuzeit durchläuft die Region eine lange und wechselhafte Geschichte, mit zahlreichen Eroberungen, Herrschaftswechseln und kulturellen Einflüssen. Das zeigt sich nicht zuletzt in Jerusalem, dass die höchsten Heiligtümer des Islam, Christen- und Judentums auf engstem Raum beherbergt.
Ich bemerke, wie die junge Kellnerin ungeduldig auf den letzten Schluck Bier in meiner Flasche starrt und beschließe, sie zu erlösen und meinen Platz für die Nacht zu suchen.
Khalil und seine Familie lerne ich über Facebook kennen, als ich meine Reise plane. Sie errichten eine Herberge aus traditionellen Zelten und möchten Kameltouren durch die Wüste anbieten. Wirtschaftlich und geopolitisch möglicherweise nicht der richtige Zeitpunkt, um ein Business aufzubauen, kommt mir eine halb-fertige Herberge inmitten der Wüste jedoch gerade recht. Während ich die Heizung im Auto eine Stufe höher stelle – es ist mittlerweile merklich kälter geworden – sehe ich, wie mich Google Maps in wenigen hundert Metern von der Hauptverkehrsstraße weg leitet. Die Straße ist nicht beleuchtet und so kann ich nur vermuten, was links und rechts von mir liegt. Ich fahre langsam, um die Abfahrt nicht zu verpassen. Etwas ungläubig starre ich auf die Piste, die im rechten Winkel von der asphaltierten Straße abgeht. Und doch: Maps verspricht mir, das Ziel in zwei Kilometern zu erreichen. Langsam setze ich den Blinker, den ohnehin niemand sieht, und biege auf einen Pfad, der vielmehr Mut als Stoßdämpfer verlangt. Der kleine Hyundai i10 scheint nicht nur zu wenig Kraft für die Schlaglöcher und das Geröll zu haben, sondern schiebt einen derart schmalen Lichtkorridor vor sich her, der wirkt, als hätte jemand eine Taschenlampe ins Armaturenbrett geklemmt. Nach 50 Metern ist Schluss. Als die Buckel höher als mein Wüsten-Go-Kart werden und ich die Geräusche im Unterboden nicht mehr ignorieren kann, sehe ich ein, dass ich mich verfahren habe. Ich rufe Khalil über WhatsApp an, kann meine Situation auf Arabisch aber nicht ausreichend erklären, ohne den Ruf der Deutschen als Autofahrernation nachhaltig zu beschädigen. Seine Tochter übernimmt und ich bin mir nicht sicher, ob sie mein Englisch besser versteht als ihr Vater mein Arabisch. Nach weiteren 10 Minuten habe ich nicht nur meine missliche Lage schildern, sondern auch meinen Standort ausreichend beschreiben können und sehe in der Ferne sechs Lichtkegel auf mich zukommen.